Situationsansatz – Das Konzept im pädagogischen Alltag

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Schaut man sich verschiedene Kindergärten an, welche nach dem Situationsansatz arbeiten, fällt einem auf, dass es doch gravierende Unterschiede gibt. Aber dennoch richten sie sich alle nach dem gleichen pädagogischen Konzept.

Es ist aber nicht verwunderlich das die Kitas sehr unterschiedlich sind und doch alle etwas gemeinsam haben. Denn in diesen Kitas geht man ja von der Lebenswelt der Kinder aus, von ihrem Umfeld, ihren Interessen und Erfahrungen.

Die Ziele sind es, die immer gleich bleiben. Kinder mit unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft sollen unterstützt werden, um ihre eigene Lebenswelt zu verstehen und diese selbstbestimmt, kompetent und verantwortungsvoll zu gestalten.
(Autonomie, Solidarität, Kompetenzen)

Warum soll eingentlich der Alltag in der Kita ein realer Alltag mit realen Lebenssitationen sein?

In den alltäglichen Situationen – wie ankommen, verabschiden, gemeinsam essen, schlafen, kochen und backen, im Garten spielen, für sich alleine sein, malen und basteln…

  • sind wichtige Spielräume für die Kinder die der Entfaltung ihrer Sinne und somit der Entwicklung des Kindes in allen Bereichen dienen,
  • begegnen Kinder vielseitigen sozialen Anforderungen,
  • begegnen Kinder Anforderungen an ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten und müssen sich mit diesen auseinandersetzen,
  • können die ihr Wissen und Verstehen von ihrer Lebenswelt erweitern,
  • können Kinder vielfältige Erfahrungen für das ganze Leben machen.

Doch nicht nur in der Kita sollen die Kinder leben und lernen, sondern auch in ihrem Umfeld und ihrer Umwelt sollen Erfahrungen machen dürfen.

Die Kita soll nicht eine Insel sein, die das wirkliche Leben ausgrenzt, sondern es miteinbeziehen. Dazu gehört es Lernorte ausserhalb der Kita zu schaffen. Auf den Ausflügen lernen die Kinder z.B. Verkehrregeln, die Natur kennen und es ergeben sich dadruch neue Leernanreize und Schlüsselsituationen. Die Lebenswelt der Kinder wird ein Stück weiter erkundet.

Beispiele dazu wären ein gemeinsamer Ausflug zum Zahnarzt, zum Bäcker in die Backstube, einen Feuerwehrmann einzuladen, Familien zu besuchen oder auch die Räume der Kita am Abend anderen Vereinen o.ä. zugänglich zu machen.

Ebenso wie sich die Kita nach aussen öffnet und das Umfeld miteinbezieht, soll auch der Tagesablauf in der Kita offen, flexibel und freundlich sein.

Ziel des Situationsansatzes ist es, die Kinder durch unterschiedliche Raumangebote und Impulse auf ihren Weg zur Eigenständigkeit und Eigenverantwortung zu begleiten. Die Kinder sollen Handlungs- und Bewegungsfreiräume haben.

Durch die eigene je nach Alter unterschiedliche große Entscheidungsfreiheit bietet man den Kindern Möglichkeiten zur Selbstentfaltung und zum eigenverantwortlichen Handeln und dadurch werden das Selbstvertrauen und das Selbstbewußtsein gestärkt. Die Kinder benötigen dennoch einen Rahmen, in dem sie sich entfalten können. Daher gibt es feste Stammgruppen, die die Kinder durch die gesamte Kindergartezeit begleiten und so Zugehörigkeit, Halt und Sicherheit geben.

Zu diesem Rahmen gehören also:

  • Regeln, die das soziale Miteinander klären (z.B. nicht schlagen, kratzen…)
  • Regeln die den Tagesablauf klären (z.B. nach dem Essen Zähne putzen, immer der Erzieherin sagen wohin man geht…)

Die Regeln werden aber nicht einfach festgelegt, sondern mit den Kindern zusammen besprochen entwickelt und dann je nach Alter auf einem Plakat, mit mehr oder weniges Bildern oder in einem Vertrag festgehalten. Die Kinder halten sich an solche Regeln oft sehr gerne, denn es sind ja „ihre“ Regeln.

Die Regeln sind auch notwendig, damit die Kinder nicht haltlos in einem Leben ohne Sicherheiten leben.

Die Kitas, die nach dem Situationsansatz arbeiten, haben in der Regel alle einen Tagesplan, wobei dieser offen und flexibel zu verstehen ist. Denn manchmal ist auch notwendig von diesem abzuweichen. Wichtig ist, dass dieser Tagesplan nicht von unzusammenhängenden Lernspielen bestimmt ist, sondern ein natürlicher Ablauf ist.

Ich werde Euch nun „unseren“ Tagesablauf vorstellen und dabei verdeutlichen, wo der Situationsansatz zu entdecken ist.

6:00 Uhr – 7:30 Uhr Kinder werden empfangen, Freispiel und Frühstücksvorbereitung

Bereits bei all täglichen Ritualen, wie die Begrüßung, lernen die Kinder spielerisch Regeln, Normen und Werte kennen.

7:30 – 8:15 Uhr Frühstück, für Kinder die nicht essen Freispiel in den anderen Räumen

In der gesamten Schlüsselsituation „Frühstück“ können die Kinder bereits viele Dinge lernen.

Zwei Kinder haben jeweils die Aufgabe für eine Woche das Frühstück zu planen und vorzubereiten. Dies beginnt damit, dass sie anhand von Lebensmittelkärtchen aussuchen, was es in dieser Wochen zum Frühstück geben soll. Die Kinder ordnen sie Karten dann auf einer Pinwand so an, dass alle sehen könne, was es an welchem Tag zum Frühstück geben wird.

Eine Erzieherin begleitet sie Kinder dabei und vermittelt den Kindern was gesund ist, welche Lebensmittel es gibt, wie man ein Essen plant u.v.m.

Dann schauen sie im Kühlschrank nach, was noch da ist und was eingekauft werden muss.

Die Erzieherin schreibt eine Einkaufsliste, aber auch die Kärtchen werden zum einkaufen mitgenommen. Im Supermarkt suchen die Kinder, die zu den Karten gehörenden Lebensmittel und bezahlen auch gemeinsam mit der Erzieherin an der Kasse. Dabei lernen sie z.B. mit Geld umzugehen.

Das Frühstück wird vorbereitet, es wird gemeinsam mit den anderen Kindern auf und wieder abgedeckt – so lernen auch Jungen, dass die Zubereitung von Essen keine reine Frauensache ist.

In dieser Frühstückssituation lernen die Kinder eingenaktiv, selbständig und verantwortungsvoll zu sein, sei lernen mit ihren Wünschen und den von Anderen umzugehen, die machen motorische Erfahrungen, z.B. eine Käsepackung aufzumachen und den Käse herauszuholen, Gemüse zu schneiden…

Das Frühstücke selber ist keine Pflichtübung, die Kinder die bereits zu Hause gegessen haben, dürfen auch spielen. Aber meistens wird das Frühstück wahrgenommen, denn es bietet Geborgenheit, Sicherheit und Halt. Überhaupt sind die Mahlzeiten zentrale Haltepunkt für die Kinder, sie geben dem Tag eine Struktur.

Wir sehen hier also eine Alltagssituation im Kindergarten, mit einen Lernort ausserhalb des Kindergartens, die den Kindern vielfältige Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten bietet.

ab 8:30 Uhr Morgenkreis aller Kinder, Angebote des Tages werden besprochen

Im Morgenkreis können wir Erzeiherinnen erfahren, was die Kinder bewegt, es können Gruppengepräche und Gruppenspiele gespielt werden, die das Wir-Gefühl der Kinder stärken.

Im Morgenkreis wir auch oftmals die Kinderkonferenz abgehalten. Hierbei handelt es sich um eine Möglichkeit, wie man den Kindern kindgerecht Mitspracherechte einräumen kann.

Wie kann man sich so eine Kinderkonferenz vorstellen?

Es gibt eine Pinwand, auf welcher die Kinder ihre Wünsche vermerken können z.B, mit einem Bild. Die Kinderkonferenz wird entweder an festen Wochentagen abgehalten oder je nach Bedarf, wenn ein „Antrag“ gestellt wurde. Die Teilnahme an der Konferenz ist freiwillig.

In der Konferenz erzählt der Antragssteller, was er besprechen möchte, es wird darüber gesprochen und z.B.bei einer Neuanschaffung darüber abgestimmt.

Die Kinder lernen so von klein auf, dass sie ihr Umfeld gestalten können, dass Situationen veränderbar sind. Dies ist eine wichtige Erkenntnis, die für die Eigenaktivität und Selbständigkeit notwendig ist.

ab 9:00 Uhr Angebote, Aufenthalt im Freien, Projektarbeit, Freispiel

Immer eine oder zwei Erzieherinnen bieten ein Angebot an. Die Kinder entscheiden wozu sie Lust haben und dürfen dies dann auch tun. Wobei die Erzieherin dennoch im Auge behält, was welche Kinder machen und ggf. bei sehr einseitigen Vorlieben das Kind motiviert auch mal etwas anderes auszuprobieren.

Auf dem Außenglände ist immer mindestens eine Erziehrin, sodass die Kinder jederzeit an der frischen Luft spielen können.

Insbesondere im Spiel bietet sich dem Kind die Möglichkeit, sich selbst und die Welt zu begreifen, zu tun und zu sein, was man möchte und das ohne das es ein vorzeigbares Ergebnis liefern muss, ohne Druck.

Spielmaterialien werden nach Bedarf und unter Einbezug der Kinder ausgewechselt.

Was bedeutet Projektarbeit im Kindergarten?

Ein Beispiel dazu:

Es regnet. Die Kinder beobachten fasziniert den Regen durch das Fenster. Die Erzieherin nimmt dieses wahr und öffnet das Fenster. Gemeinsam erforschen die Kinder und die Erzieherin wie sich der Regen anhört, wie er sich anfühlt, warum er wichtig ist. Sie machen vielleicht danach ein Regenspiel oder malen Regen auf…das können die Kinder dann entscheiden.

Ein anderes Beispiel für Projektarbeit kann sich aus der Frage der Kinder ergeben, was denn ihre Eltern den ganzen Tag lang machen. Man kann mit den Kindern Bücher ansehen, die Eltern auf der Arbeit oder zu Hause besuchen oder einladen, eine Geschichte als Theater spielen und so ein Projekt entwickeln, dass die Kinder verstehen lässt, wie die Erwachsenenwelt aussieht.

In Projekten kann jedes Kind individuell mit einbezogen werden, ganz nach seinen Stärken und dennoch schafft die Gruppe etwas zusammen. In Projekten kann man auf die Interessen und Fragen der Kinder eingehen, mit ihnen zusammen erforschen wieso etwas so ist und nicht anders.

Projekte entstehen aus spontanen Anlässen, Bedürfnissen, Interessen, Problemen oder Konflikten der Kinder und sind auf konkrete Lebenssituationen in der Wirklichkeit des Kindes bezogen.

Dabei lernen die Kinder Verhaltensweisen, die sie für die Bewältigung ähnlicher Situationen handlungsfähig machen. Projektarbeit ist für die Sprachförderung ebenso wie für soziales und sachbezogenes Lernen von großer Bedeutung, weil es in realen Handlungszusammenhängen geschieht. Ausgangspunkt der Projektarbeit ist in der Regel ein Anlass, der sich im Kindergarten ergeben hat oder von außen durch die Kinder, den/die Erzieher/in oder die Eltern in den Kindergarten hineingetragen wird. Deshalb ist es wichtig, die Kinder spontan und gezielt zu beobachten, denn daraus ergeben sich die Themen der Kinder.

12:00 Uhr Mittagsessen

Die Kinder essen in ihren Stammgruppen zu Mittag.

ab 12:30 – 14:30 Uhr Mittagsschlaf

„Große“ dürfen auch auf bleiben, wer ausgeschlafen hat darf aufstehen. Dennoch ist diese Zeit ruhig und gemütlich, vertrauensvoll und voller Sicherheit. Die Kinder sollen zur Ruhe kommen und sich entspannen. Die Herausforderung liegt bei den Erzieherinnen, diese Ruhesituation auch zuzulassen.

Damit die Kinder sich geborgen fühlen, hat jedes Kind ein Bettchen. Am Kopfende der Bettchen hängen Fotos der Familie, die dem Kind ein Gefühl von Vertrautheit geben.

14:30 Uhr Aufstehen und Mittagsmahlzeit

ab 14:30 – 17:00 Uhr Angebote, Aufenthalt im Freien, Freispiel, Abholung der Kinder

Raumgestaltung:

Die Räume sollen unverkennbare Orte für Kinder sein, in denen sie sich wohl fühlen, die ihnen Geborgenheit vermitteln, aber auch Anregung und Herausforderung für Weiterentwicklung sind.

Die Räume sollen Lebens- und Erfahrungraum für Kinder sein. Der Raum sollte in unterschiedliche, auch voneinander abgetrennte und nicht einsehbare Spielbereiche unterteilt sein. Unterschiedliches Material, Funktionsecken, verschiedene Spielebenen, Rückzugsmöglichkeiten für Kleingruppen oder Einzelne und Treffpunkt für die gesamte Gruppe gehören dazu.

Funktionsräume und Aktionsorte:

Ich werde nur zu den ersten drei Räumen etwas sagen und die anderen Räume nur auszählen, da es sonst den Rahmen sprengen würde.

  • Kreativ- u. Malraum – freies Malen, so wie die Kinder es wollen. Jedes Kind erlebt Geschichten beim Malen, verarbeitet Erfahrungen, Erlebnisse, Wünsche und Träume in diesem schöpferischen Tun.

In diesen Räumen dürfen sie „Alles“ tun, was sie möchten und Forschen und Entdecken nach Herzenslust.Viele Dinge werden so erlebt und ausprobiert, die für uns Erwachsene ganz alltäglich sind. Diese Freiräume im gestalterischen Handeln sensibilisieren die Sinne und stärken so das Kind umfassend.

  • Rollenspiel- u. Verkleidungsecke

Im Rollenspiel können Erlebnisse und Gefühle verarbeitet werden.

In der Verkleidungsecke können Kostüme gebastelt werden und man kann in fremde Rollens schlüpfen und diese ausprobieren.

Dies geht auch im geleiteten Improvisationstheater:

Die Erzieherin erzählt z.B. ein Märchen, die Kinder spielen dieses auf einer kleinen Bühne nach. Dabei können sie in andere Rollen schlüpfen und u.a. Emotionen verarbeiten.

  • Turnraum mit Bewegungsbaustelle, Ballbad

Viele Unfälle entstehen nicht durch Bewegung, sondern durch Bewegungsmangel!
Ziel der Kita ist es, dem entgegenzutreten:

– Die Gesundheit der Kinder soll durch Bewegung erhalten und weiterentwickelt werden.

– Es besteht eine Kausalität zwischen Motorik und kognitiven Fähigkeiten, die es durch Bewegung zu schulen gilt.

– Die Wahrnehmung (die Aufnahme jeglicher Einflüsse durch unsere Sinne) soll durch Bewegung weiter entwickelt werden.

  • Kinderwerkstatt (Hämmern, Tischlern, Sägen, Bauen)
  • Kuschelraum / Raum für Rückzug
  • Spielraum (Puppenecke / Ort für Gesellschaftsspiele / Bauklötze / Leseecke)
  • Kinderküche (zum Essen, Kochen und Backen)
  • Waschraum (auch für Experimente mit dem Wasser)
  • Musikraum / Theaterraum (die Klänge der Welt entdecken)
  • Naturnahes Aussenspielgelände / Spielplatz

Diese Vielzahl an Angeboten, Räumen und der sich darin befindenden Materialien bietet den Kindern große Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten. Die vielfältigen Anregungen locken den natürlichen Forscherdrang des Kindes und diese können so sich selbst, die Welt und auch andere in ihrem spielerischen Tun begreifen.

Die Kinder sollten an der Raumgestaltung beteiligt werden, damit die Räume auch wirklich den Bedürfnissen der Kinder entspricht.

Wie kann so eine Beteiligung der Kinder aussehen?

Dazu möchte ich ein Bespiel erzählen:

Der Naturwissenschaftliche Raum oder die „Forschungsecke“ soll neu gestaltet werden. Eine Erzeiherin schaut sich daher mit den Kindern einen Katalog an, der mögliche Dinge zeigt, die dort in die Forscherecke passen könnten. Die Kinder sagen was sie gerne haben möchten und begründen dies auch. (Sprachförderung, Ich-Kompetenz/Wünsche…) Am Ende liegen die Bilder der vorgeschlagenen Dinge nebeneinander. Die Kinder und die Erzieherin verteilen farbige Punkte auf den Bildern von den Gegenständen, die sich anschaffen möchten. Wie in der Demokratie, wird so abgestimmt, was angeschafft wird.

In den Räumen sollten sich immer auch ganz alltägliche Gegenstände befinden, denn der Kindergarten soll je keine Insel in der realen Welt sein, sondern ein Teil dieser realen Welt.

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